Dissoziative Störungen gehören zu den psychischen Erkrankungen, bei denen das eigene Erleben zeitweise nicht mehr gut „zusammengeführt“ wird. Erinnerungen, Gefühle, Körperempfindungen, Wahrnehmung oder das Gefühl für die eigene Person können verändert, fremd oder wie abgetrennt wirken.
Das kann sehr verunsichern. Gleichzeitig ist Dissoziation zunächst ein beschreibbarer psychischer Vorgang und kein Zeichen von Schwäche oder „Verrücktsein“. Entscheidend ist, wie stark die Symptome sind, ob sie wiederkehren und ob sie Alltag, Beziehungen, Beruf oder Sicherheit beeinträchtigen.
Was bedeutet Dissoziation?
Dissoziation bedeutet, dass normalerweise verbundene Bereiche des Erlebens zeitweise auseinanderfallen. Dazu können Erinnerungen, Gefühle, Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung, Bewegung oder das Gefühl gehören, ganz bei sich zu sein.
Leichte Formen kennen viele Menschen aus dem Alltag: Man fährt eine vertraute Strecke und kann sich später kaum an einzelne Abschnitte erinnern. Oder man funktioniert in einer belastenden Situation automatisch, ohne innerlich wirklich präsent zu sein. Solche kurzen Zustände sind nicht automatisch krankhaft.
Problematisch wird Dissoziation vor allem dann, wenn sie häufig, stark oder unkontrollierbar auftritt, wenn Erinnerungslücken entstehen oder wenn Betroffene sich selbst, ihren Körper oder ihre Umgebung wiederholt als fremd erleben.
Wann spricht man von einer dissoziativen Störung?
Von einer dissoziativen Störung spricht man, wenn dissoziative Symptome über das normale Maß hinausgehen und deutlich belasten oder den Alltag einschränken. Fachlich geht es dabei um eine Störung der normalen Verbindung von Bewusstsein, Erinnerung, Identität, Wahrnehmung, Körpererleben oder Bewegungskontrolle.
Wichtig ist: Einzelne Symptome allein reichen nicht für eine Diagnose. Entscheidend ist das Gesamtbild. Dazu gehört, welche Beschwerden auftreten, wie lange sie bestehen, in welchen Situationen sie stärker werden und ob körperliche, neurologische oder andere psychische Ursachen ausgeschlossen werden müssen.
Eine fachliche Einordnung kann entlastend sein. Sie hilft, die Symptome ernst zu nehmen, ohne sie vorschnell zu dramatisieren oder falsch zu deuten.
Welche Symptome können auftreten?
Dissoziative Symptome können sehr unterschiedlich aussehen. Manche Menschen berichten von Erinnerungslücken, fehlenden Zeitabschnitten oder dem Gefühl, bestimmte Situationen nicht vollständig miterlebt zu haben.
Andere erleben sich selbst oder ihre Umgebung als unwirklich, fremd oder wie durch einen Schleier. Auch das Gefühl, neben sich zu stehen oder den eigenen Körper nicht richtig zu spüren, kann auftreten.
Bei manchen Menschen zeigen sich körpernah erlebte Beschwerden. Dazu können Taubheitsgefühle, Bewegungsstörungen, Zittern, Stimmverlust, Sehstörungen oder anfallsartige Zustände gehören. Solche Symptome sollten immer sorgfältig medizinisch und psychotherapeutisch abgeklärt werden, damit körperliche und neurologische Ursachen nicht übersehen werden.
Welche Formen können dissoziative Störungen annehmen?
Dissoziative Störungen können verschiedene Formen haben. Bei manchen Menschen stehen Erinnerungslücken im Vordergrund. Andere erleben vor allem Entfremdungsgefühle gegenüber sich selbst, dem eigenen Körper oder der Umgebung.
Es gibt auch Formen, bei denen körperliche Funktionen betroffen wirken, etwa Bewegung, Stimme, Wahrnehmung oder Empfindung. In anderen Fällen geht es stärker um verändertes Identitätserleben, tranceähnliche Zustände oder das Gefühl, nicht vollständig mit dem eigenen Erleben verbunden zu sein.
Fachlich werden diese Erscheinungsformen in internationalen Klassifikationen wie ICD-10 und ICD-11 beschrieben. Für Betroffene ist jedoch vor allem wichtig: Dissoziative Störungen können sehr verschieden aussehen. Deshalb sollte nicht ein einzelnes Symptom bewertet werden, sondern immer das gesamte Erleben und die persönliche Belastung.
Abgrenzung, Ursachen und professionelle Hilfe
Dissoziative Symptome können im Zusammenhang mit starkem Stress, innerer Überforderung oder belastenden Erfahrungen auftreten. Sie sind aber nicht automatisch gleichbedeutend mit einem Trauma. Ebenso können sie zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auftreten oder mit körperlichen und neurologischen Erkrankungen verwechselt werden.
Deshalb ist eine sorgfältige Abklärung wichtig. Dabei wird geprüft, ob zum Beispiel neurologische Ursachen, epileptische Anfälle, Substanzeinflüsse, Angst- oder Belastungsstörungen, Depressionen oder andere Erkrankungen eine Rolle spielen.
Professionelle Hilfe ist besonders ratsam, wenn Beschwerden wiederkehren, Angst machen, zu Erinnerungslücken führen, den Alltag beeinträchtigen oder wenn Betroffene das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Erleben zu verlieren. In akuten Krisen oder bei Selbst- oder Fremdgefährdung sollte sofort der Notruf 112 kontaktiert werden. Auch eine psychiatrische Notaufnahme oder ein regionaler Krisendienst kann in einer akuten psychischen Krise helfen.
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